Mittwoch, 9. Januar 2008

"Keinohrhasen" und ich


Nun hat der Mensch von Grund auf seine Vorurteile. Mac oder PC? Cola oder Pepsi? Diskussionen über diese Themen, meist voreingenommen betrachtet, laufen selten auf einen Schlusspunkt hinaus. So auch die Frage: Kann ein Regisseur am Drehbuch mitschreiben, die Filmmusik aussuchen und, Achtung jetzt kommt’s, auch noch die Hauptrolle übernehmen? Ist ein Kinofilm danach nicht zum Scheitern verurteilt?

Natürlich können wir uns hier auch an Fakten klammern: Marlon Brando biss sich die Zähne an „Der Besessene“ ("One-Eyed Jack") aus, Woody Allen eckte nicht nur einmal beim Publikum an (z.B.: „The Sleeper“, „Take the Money and Run“) und Klaus Kinski zerbrach an „Kinski Paganini“.
(By the way: Zach Braff hat in „The Garden State“ hervorragende Arbeit geleistet. Es geht also auch anders...)

Dass Til Schweiger beim zweiten Versuch scheitern könnte, wenn er Regie, Hauptrolle und Drehbuch an seinen Zügeln hält, hätte ich eigentlich nicht gedacht. Beim Kinofilm „Barfuss“ führte der anscheinend vorhandene Kontrollzwang zum gewünschten Ziel und der Erfolg gab Schweiger recht. Nach einem Debüt folgt oft ein grosser Fall, One-Day-Wonders werden vom Weizen getrennt, übrig bleibt das Talent. Til Schweiger ist übrig geblieben.

Der Streifen „Keinohrhasen“ ist schnell erzählt, bietet aber trotzdem reichlich Platz für gut gesetzte Gags und deutsch-amerikanische Emotionen:
Ludo, ein Boulevardreporter, hängt auf übelste Art und Weise der Prominenz von Berlin an der Gurgel. Seine soziale Umgebung besteht aus der deutschen Highsociety (Ludo wird jedoch von dieser gehasst) und vielen One-Night-Stands (Ludo wird „danach“ auch von diesen verachtet; verletzten Gefühlen wegen).

Nach einer Straftat-Ludo bricht beim Heiratsantrag von Vladimir Klitschko und Yvonne Catterfeld durch das Glasdach eines Luxushotels ein-wird er zu 300 Stunden Sozialarbeit in einem Kinderhort verdonnert. Die Leiterin dieser Institution, Anna Gotzlowski, ist eine alte Jugendfreundin, welche von Klein-Ludo immer verspottet wurde. Die negativen Spannungen sind durch diese Gegebenheit schon vorprogrammiert, trotzdem empfinden die Beiden plötzlich mehr füreinander und finden so zueinander. Der Casanova Ludo realisiert aber den Ernst der Lage nicht richtig und lässt sich erneut in eine Kurz-Bekanntschaft (mit einer Unbekannten) ein. Annas Welt scheint kurzfristig unterzugehen...

Wie schon bei „Barfuss“ sind viele Szenen in satten Erdfarben gedreht; die Kinder der Tagesstätte könnten in Kombination mit Ludo und Anna aus der Herbstkollektion eines Modekatalogs stammen. Sehr abgestimmte und schöne Bilder. Der Originalton ist leider manchmal etwas schlecht verständlich, Gründe dafür sind viele verschiedene Dialekte und laute Nebengeräusche. Der Soundtrack überzeugt mit einer Vielfalt von englischen und deutschen Songs, von ruhig bis R&B. Höhepunkt ist der aktuelle Hit von Timbaland „Apologize“.

Mit feinem Witz erzählt Til Schweiger eine Geschichte, die man ihm eigentlich nicht zutrauen würde. Schweiger, das oberflächlich wirkende, braungebrannte Unterwäschemodel, taucht zum zweiten Mal in eine Tiefgründigkeit der Liebe ein, die in unserer animationsgesättigten Gesellschaft auch ohne Schnickschnack auszukommen vermag. Das grosse Staraufgebot (Jürgen Vogel, Rick Kavanian, Christian Tramitz) bringt zusätzlich eine gelungene Unterhaltung in diese romantische Komödie. Fazit: Ideal zum Verschlingen.


Ah ja! Good to now: Alle vier Kinder von Til Schweiger, Valentin Florian, Luna Marie, Lilli Camille und Emma Tiger, spielen in „Keinohrhasen“ mit.



Montag, 7. Januar 2008

"Enchanted" und ich


Alles beginnt friedvoll mit fröhlichem Vogelgezwitscher. Nach guter, alter Disney-Manier ist der Zuschauer der weihnachtlichen Liebeskomödie „Enchanted / Verwünscht“ sofort im bunten Geschehen des Zeichentrickland Andalasien gelandet. Diese Märchenwelt wird unterdrückt und gleichzeitig regiert von der bösen Königin (oder Hexe? Eigentlich beides...) Narissa (Susan Sarandon). Die Zauberin leidet an extrem ausgeprägtem Verfolgungswahn und einem kleinen Selbstbewusstsein. Resultat aus diesen Störungen ist der Glaube daran, dass sich die wunderschöne Giselle (Amy Adams) den Königsthron unter die purpurgestrichenen Fingernägel reissen will. Doch sie irrt! Giselle, eine Art Dr. Doolittle aus der Fabelwelt (sie kann die Waldbewohner zum Nähen von Abendroben missbrauchen), will nicht den Thron von Narissa, sondern nur ihren Sohn, den Prinzen Edward. Dies ist aber wohl nicht minder schlimm und läuft am Schluss auch zum Besitz der Kronjuwelen hinaus.

Die böse Hexe weiss eines Tages nicht was sie will, weil sie ihre Psychopharmaka nicht pünktlich genommen hatte und verbannt alle tragenden Figuren plus ein animiertes Backenhörnchen nach New York auf den Time Square. Wie kommt eine Fantasiefigur in der realen Welt zurecht? Eine Frage, wie sie noch nie gestellt und ebenso beantwortet wurde. Die Spannung existiert so fest, wie es die Zahnwurzel eines Kukident-Gebisses tut.

Zu allem Übel, als hätte der Zuschauer noch nicht genug Probleme, taucht noch ein realer, (un)-glücklich (zuerst noch-, dann nicht mehr verliebter) Scheidungsanwalt im Film auf. Giselle verliebt sich in den Burschen (Grey’s Antaomy Star Patrick Dempsey). Die Quintessenz ist natürlich, dass nur der Jurist die vergiftete (roter Apfel – wie originell!) Giselle mit dem „wahre-Liebe-Kuss“ aufwecken kann. Der Prinz bleibt da auf der Strecke. Die Hexe wird wütend, macht einen auf Gorilla-Gozilla-Klon und verschwindet auf dem Empire State Building. Die Geschichte endet mit einem voraussehbaren Happy End: natürlich mit zwei Hochzeiten. Die Welt ist nicht nur schwarz und weiss, sondern auch noch kitschig purpurrot. Elton John würde vor Neid erblassen.

Die Fabelwelt, aufgebaut von Altregisseur Kevin Lima (The Lion King), ist ein Verschnitt verschiedener Disney-Klassiker, die zu einem grossen und unbekömmlichen Kuchen zusammengepappt wurden. Etwa so, wie es im Horror-Genre mit Scary Movie üblich war. Von Dornröschen über Bambi bis zu den sieben Zwergen wird alles, nicht mal lustig sondern nur kitschig, dargestellt. Die Hälfte des Textes wird in billigen Reimen und abgekauter Musik im Mary-Poppins-Style geträllert und Choreografien halbherzig mit Zweitklasseballerinas und Lowbudgettänzer inszeniert. Die Ausrede, ich sei ein Mann, dem dies einfach nicht gefallen könne, zählt nicht. Meiner Freundin passte dieser Film nun wirklich auch nicht.

Donnerstag, 3. Januar 2008

Meine Selbstkasteiung und ich





Noch fünf Minuten bis Mitternacht. Ich sage zu Sue, meiner Freundin: "Ich denke... Nein, ich meine, dass du zu häufig -zu regelmässig- Alkohol trinkst. Vielleicht hast du einfach auch nur den Wein zum Fondue zu gerne. Oder den Grappa danach. Egal." (Das ich eigentlich auch immer mittrinke, wenn sie trinkt, verschweige ich galant.) Nach einem kurzen Blick auf die Uhr, es ist vier vor zwölf, entgegnet mir Sue: "Und ich glaube... Nein! Ich weiss es: Du isst zu viel Fleisch!" Und diese Worte aus dem Mund einer Vegetarierin. Essig in meine Wunden. Zugegeben steckt vielleicht in ihren Gedanken ein kleines Körnchen Wahrheit. Zumal ich mich über die Festtage immer sehr ausgiebig am traditionellen Fondue Chinoise bediene.
So haben wir zwei Minuten vor Neujahr einen kleinen Pakt geschlossen, der einen Verzicht auf die Völlerei und Sauferei besiegelte. Einen ganzen Monat lang - der Januar soll die Leiden bringen!

Wie in den guten alten Märchen, darf auch in unserer Geschichte kein "Geben und Nehmen" fehlen. Die Guten müssen belohnt und die Schlechten bestraft werden. Stinkende Alchimisten in den Kerker zu den Ratten, rettende Prinzen in das Königshaus zu den Prinzessinnen. So einfach ist das.
Unsere Messerstiche bei Regelverletzung sind: Wenn ich meinen fleischlichen Essgelüsten nachgehe = 100 Franken Spende an die Tierschutzorganisation PETA. Wenn Sue ein alkoholhaltiges Wässerchen trinkt = 100 Franken Spende an das Blaue Kreuz.

Nun heisst es ausharren - und schon am zweiten Tag besuchte ich den gelben Riesen als temporärer Vegetarier und bestellte einen Fisch-Mac. Oder wie heisst dieses schlappe Brötchen schon wieder? Ah ja: "Filet-o-Fish". Ich glaub, ich gewöhn mich wohl nie daran...
In der Kantine nahm ich nun das Vegi-Menü, ass im Tibits ein überteuertes Toffu-Tomaten-Sandwich und genoss das dürftige(!), fleischlose Angebot an Fertigprodukten vom Coop Burgdorf.
Ich denke, wenn die Nahrungsbeschaffung weiterhin so mühsam verläuft, wird es bald eine Titeländerung in der Weltliteratur von "die Leiden des jungen Werthers" in "die Leiden des jungen temp. Vegis" geben müssen.

E Guete!

Donnerstag, 20. Dezember 2007

Absender unbekannt...




Heute ist der Blick ins Unbekannte gerichtet. Frau Teissiers Konterfei prangt bald wieder auf dem Revolverblatt SI. Sicher so geschmacklos geschminkt und gekleidet wie eh und je, das Einzige was sich an ihr von Jahr zu Jahr verändert ist die Anzahl der Falten vom Dekolleté.

Die Gratiszeitungen sind vollgestopft mit Werbungen von Firmen mit Torschlusspanik, die Warenhäuser propenvoll mit Weihnachtssüssigkeiten, die in einer Woche schon um die Hälfte heruntergeschrieben sein werden.

Die Stadt platzt, wegen den Adventsverkaufslustigen, an den Sonntagen aus allen Nähten und die Sonntage bersten wegen den vielen Adventsverkäufen auseinander.

London, New York, Colmar, Paris und Mailand: Mekkas für Konsumgeschädigte.

Schon bald werde ich wieder einen Vorsatz fürs neue Jahr fassen. Und schon bald wieder verwerfen.

Mehr Sport oder weniger Essen fressen.

Freundlicher sein, höflicher sein, ehrlicher sein, charmanter sein

Besserer Mensch sein?

Sein oder Schein sein?

Konsum runterschrauben, Spenden raufschrauben: „Stützli ins Mützli, Räppli ins Chäppli“ befolgen, „Aktion Kleider 20%, Regulärpreis Elektronikschrott“ wegschmeissen.

Serie laufen lassen, Dokumentarfilm nicht verpassen. Nemo finden. Wale retten.

Für eine bessere Welt predigen und während der Predigt Wasser trinken und Wein schenken.

Antworten auf Fragen finden und Fragen für Antworten stellen. Schweigen können. Schweigen annehmen. Stille geniessen können. Ruhe finden.



Mittwoch, 12. Dezember 2007

Christoph und ich





Trauer um Christoph

Die Hitze brennt mir in der Lunge,
die Spannung steigt mir bis zur Zunge.
Wird heute Freud ins Land rückkehren?
Oder wird mir der Magen wieder drehen?
Werden all die sieben wieder sein?
Unser Land braucht neuen Sonnenschein!
Mit Christoph würd dieser schnell versiegen.
Doch denk! Die Widmer könnte siegen!
Ein kleiner Schlumpf kommt gross hinaus,
sogar nach Bern ins Bundeshaus.
Drum Eveline, überlege richtig!
Sonnst war die Spannung wirklich nichtig.
Blocher, wisse dies: Du warst sehr fies.
Jetzt geht’s halt auch dir mal richtig mies.



Dienstag, 11. Dezember 2007

Unruhe und ich - Italien V



Ein Streik, der keinen wirtschaftlichen Druck ausübt, ist kein Streik, sondern kollektives Betteln.
Jürgen Peters – Wirtschaftspionier


Diese Woche erlebe ich den dritten Streik der Italiener. Nach dem Bahnstreik, Autobahnstreik ist jetzt der Lastwagenstreik im Gange. Seit gestern blockieren die Camionisten alle Autobahnausfahrten rund um Bergamot. Unsere Hinreise hat deswegen zwei Stunden länger gedauert. Keine Materialanlieferung kommt mehr bis zu uns durch. Alles ist gesperrt.

Ein ewig Volk von Streikern... Oder eben doch Bettler?


Mittwoch, 5. Dezember 2007

Mein Gebrechen und ich - Italien IV



„Wird unsere Liebe für ewig halten?“

„Für immer.“

Luke schaut mit seinen stahlblauen Augen in Heidis himmelblaue. Sie hat ein makelloses Gesicht: Es scheint fast, als hätte sie Stunden bei einem Make-Up-Artist verbracht. und die rötlichen Haare wurden mit dezenten Natursträhnchen noch röter gemacht. (Gesamtkosten dieser Fassade wären in der Schweiz wohl über tausend Franken.) Ein luftig rotes Seidenkleid ziert ihren Körper, der von strengen Fitnesslektionen gezeichnet ist. Die Haare wehen mit dem Stöffchen in der sanften Meeresbrise um die Wette.

Luke ist ein Traumschwiegersohn, braunes Haar (mit blonden Méchées), ist höflich, beliebt, sportlich, intellektuell und alles funktioniert bei ihm immer auf Anhieb. Er sieht aber komischer weise älter aus, als es ein 16 jähriger Junge sollte. Heidi auch, aber das ist bei Mädchen noch schnell möglich.


„So lange der Mond seine Kreise dreht und die Sonne am kühlen Morgen in die Höhe steigt werde ich zu dir halten – was immer auch geschehen mag.“

„Ach, Luke...“, haucht Heidi vor sich hin.

Wie hypnotisiert schauen sich die beiden an. Heidi und Luke stehen barfuss im türkisfarbenen Meer, im Sternenhimmel, welcher im Hintergrund zu sehen ist, verglüht ungefähr zum sechzehnten Mal eine unglaublich grosse Sternschnuppe. Ein Synthesizer liefert die berührend langsame Musik mit eingespieltem Frauenchor. Langsam neigen sich die Gesichter zu einer Herzform, die Körper eng umschlungen. Und da ist sie, die erste Berührung beider Lippen. Der erste gemeinsame Kuss. Schnitt.

Nun können tausende von pubertierenden Mädchen und Jungs aufatmen. Die beiden Hauptprotagonisten der amerikanischen Soapopera „one tree hill“ haben nach 16 Folgen (passend zum Staffelfinale) doch noch zueinander gefunden. Eigentlich war das Ende dieser ersten „Season“ schon von Anfang an klar, nur mussten die beiden Teenagers einige Hürden nehmen, bevor sie einander verfallen konnten.

Inmitten dieser Serienfreaks, die jede Folge ihrer Scheinwelt sehen müssen, stecke ich. Ich bin einer dieser Anhänger der neuzeitlichen Kommerzkultur der Serienlandschaft. Einer dieser Pilgerer, der den Busseweg zum Exlibris immer wieder auf sich nimmt um eine neue Soapopera- DVD zu kaufen, sich danach im Zimmer einschliesst und dieses erst wieder verlassen wird wenn alle Folgen durchgeackert sind. So einer bin ich.

Zurzeit versüsst mir „one tree hill“ die langen Abende im leeren Hotelzimmer hier in Brescia. Nach dem Staffelfinale stellt sich für mich aber ein weiteres mal die Frage, warum ich mir das antue und warum Serien einen solchen Reiz auf mich ausüben. Ist es das Verdängen des „echten Lebens“? Suche ich in den Serien meinen Lebenssinn? Ich glaube nicht. In meinen Augen ist an meiner Seriensucht, wie es das Wort schon sagt, die Sucht schuld. Hat man einmal mit einer angefangen, kann man nicht mehr aufhören die Leiden der Darsteller mit zu verfolgen, bis ein gutes Ende der Serie eingetroffen ist. Und dies kommt meistens nur im Serienfinale vor, welches wegen Quotentiefs herbeigezogen wird. Und bis eine Soapopera abgesetzt wird, kann es Jahrzehnte dauern. (Zum Beispiel: „ER“ – Emergency Room läuft nun im zwölften Jahr.)


Zum Prinzip „Serie“

Zutaten: Eine Identifikationsfigur und ein Gegenpol; am besten einen richtig fiesen Bösewicht (das dramaturgische Element „Bellerophon gegen Chimera“)

Eine spezielle Umgebung und komplizierte Familienverhältnisse (Halbbruder, uneheliches Kind, Adoptivschwester plus eine Handvoll Scheidungen und Schwangerschaften)

Wichtig ist, dass jede Folge mit einem Auto- Verhütungs- Sport und/ oder Arbeitsunfall endet, ohne eine Auflösung der Situation abzuzeichnen. So bleibt die Spannung erhalten und die grosse Masse schaltet das nächste Mal wieder die Glotze ein. Ich auch, denn ich gehöre dazu.