Gibt es noch Wunder auf dieser heutigen Welt? Ich glaube schon... und schon nur desshalb, weil ich heute Zeuge von einem geworden bin.
Wenn Du, liebe Leserin, lieber Leser in der vorherigen Zeile "weil ich heute eine Ziege bin" gelesen hast, dann würde ich 1. keine Drogen mehr nehmen oder 2. die Lesebrille aufsetzen.
Wenn Du aber nach der vorletzten Zeile gedacht hast: "Was, der ist jetzt einer dieser Zeugen mit diesen Traktätli und so geworden...", dann würde ich 1. die vorletzte Zeile noch einmal lesen oder 2. mit dem Text schnellstens fortfahren. (Nur so zur Verständigung.)
Also: Wie Ihr sicher wisst halte ich nicht viel von Sport. Und vom Sport machen schon gar nicht. Mir wurde zwar unerklärlicherweise zwei mächtige Sprinter- Waden in die Wiege gelegt (Eine Wade misst übrigens im Umfang mehr als Alex Zülles Oberschenkel im Umfang! Dies aber nur so am Rande...), jedoch habe ich diese bisher nur auf schwerste Bedrohungen meiner Sportlehrer eingesetzt. (Wie damals in der 7. Klasse als mich Herr Nydegger ganz vorwurfsvoll zur Seite nahm, die Hand auf die Schulter legte und mir mit einem tiefen Blick in die Augen sagte: "Itz Herrgott Cédu, für was hesch du so es Grüscht, we du das nidemau bruchsch... De chasches entweder id Brockestube bringe oder mir gä... ah ja, u schüsch bisch ungnüegend im Züger!")
Richtig gebraucht habe ich die beiden Fleischklumpen -ausser zum prahlen- bis heute nie.
Dann geschah es: Im brühenden Dampf der Dusche stand ich vor dem kristallenen Spiegel und starrte mein Gegenüber an. Glitzernde Silberperlen rollten mir über den noch vom heissen Wasser geschwollenen Oberkörper und prallten sogleich auf dem güldenen Marmorboden mit einem klirren auf. Das matte Licht der flackernden Kerzen verhüllte nur sanft den zur Musik mittschwingenden Doppelbauch (wippend im Takt des Bachschen Violinkonzerts Nr. 4).
Eine wohltuende Stimme flüsterte in meinem Kopf mit einem äusserst rabiaten Ton: " So, itze aber hü. Muesch öppis mache Cédu, schüsch wirsch no e richtige Ami, mit Hut u Haar u Umfang..."
Schnitt. Das Wunder ist vollbracht!
Eine Sekunde später stand ich vor Bojan's Zimmertüre und bettelte um kurze Trainerhosen (ein richtiger Serbe habe immer Fussballtrikothosen dabei, hat er mir erklärt...). Zwei Sekunden später stand ich mit einem Frotteetuch und Wasser vor dem Hotel. "Ob es wohl noch zu regnen beginnt?", fragte ich mich. "Egal, los geht's!"
Da meinte ich noch nach den ersten hundert Metern optimistisch, ob mir jetzt gerade ein Eichhörnchen wohlwollend zugeblinzelt habe, da spürte ich auch schon den ersten Regentropfen auf meinem Kopf.
Sollte dies schon das Ende meiner steilen Laufburschenkariere sein? Zum Glück besitzt das Hotel einen Fitnessraum mit Laufband. Den Rest des Abends verbrachte ich mit drei lustigen Indern (alle fünf Minuten nickte ich denen zu und feuerte sie an! "Go on, mr. bundi, go on!") in diesem Raum bis es mir nach 2.3 Meilen Laufbandgeratter schwindlig wurde. Fühlt sich so das "Runner's High" an? Wenn ja: Super. Wenn nein: Kreislaufkollaps. Morgen ist schliesslich auch noch ein Tag um die schlechte Welt, Armut und Übergewicht zu bekämpfen.
Cédric, die Mutter Theresa der Laufbänder

5 Kommentare:
Wehende Waden können keinem schaden!!!
Tolle Reportage, vielen Dank!
Geschehnis erinnert ganz an ein anderes Familienmitglied: einmal im Jahr Sport, aber dann fast bis zum Zusammenbruch!
Gehe es ruhig und vorsichtig an...
Herzliche Grüsse von deinen zwei couchpotatoes
Gute Musik zum Sport machen: Archive & Me First and the Gimme Gimmes.
Viel Spass!
Ich muss dann auch noch mal auf Amerika damit ich wieder anfange Sport zu machen.
Bravo! Auch ich sollte mir ein Vorbild an Dir nehmen...
Guten Tag und einen guten Samstag,
Wenn Bolli deine Beiträge liest ist die Familie immer begeistert ab den Lachausbrüchen. Dies hat uns animiert deine Superberichte auch zu lesen. Ja deine künstlerische Ader zeigt sich auch in der dichterischen Kunst. Heute Abend kommen deine Vorfahren und der Nebenfahre zu uns an eine Raclette-Party. Hoffe du hast kein Heimweh nach Muttern und Racelette, wäre ich doch in deinem Alter so gerne ausgeflogen, doch der Mut und die Gelegenheit fehlte mir. So nun gehen wir zum Räbigrosi und müssen holzen. Heute ist es sonnig aber sehr kalt.
Aus Guete u mach wasch chaisch.
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