Mittwoch, 23. Januar 2008

Keine Angst, ich bin Arzt!



Vom Quadriceps femoris über den Musculus soleus waren gestern Abend alle Fasern meines Körpers angespannt. Ein Herzinfarkt hätte das Serienfinale der dritten Staffel von "Grey’s Anatomy" zu einer gemütlichen Kaffeefahrt gemacht. Doch es musste alles anders kommen: (Grey-Geeks sollten jetzt besser nicht weiterlesen!)

Zuerst muss ich (ein kleiner, selbsternannter Serienexperte) ein auftretendes Phänomen beschreiben:

Handlungsverlauf einer amerikanischen Soap Opera ab der zweiten Staffel

Das Verfahren, bis eine Serie in den Staaten ausgestrahlt wird, ist lang. Nachdem ein Pilotfilm vor einem Testpublikum und in der Prime Time bestanden hat, wird eine erste Staffel produziert. Meistens mit anderen (oder aufwändigeren) Kulissen und vielen inhaltlichen Änderungen. So wurde aus der eher ernsten Ärzteserie (wie es der Vorläufer war) „Grey’s Anatomy“ eine gefühlsintensive Story mit dem Schwerpunkt „Zwischenmenschliche Beziehungen der Ärzte/innen und ihren Assistenten/innen“. Die Grundidee der Off-Erzählerin (analog „Sex and the City“) und den medizinisch komplizierten Fällen kam als Pilotfilm zwar an, das Publikum forderte aber mehr Gefühl. Die Produzenten reagierten postwendend auf dieses Verlangen und kreierten so eine der zur Zeit erfolgreichsten Sendungen Amerikas. Aber eben: Zur Zeit!

Wie schon bei „O.C., California“, „One Tree Hill“ oder „Dawson’s Creek“, Serien bei denen die Geschichte extrem von den Hauptfiguren abhängig ist (und dadurch der erwünschte Identifikationsfaktor sehr hoch steht), sind auch bei „Grey’s“ die Leiden der bestehenden Protagonisten nach der zweiten Staffel ausgeschöpft. Die Drehbuchautoren (so hoffe ich, dass der Streik ihre Fantasie aufgefrischt hat) sind so ab der dritten Staffel gezwungen die einfallslosen Storys von Schwangerschaften und ihren Abbrüchen, Halbschwestern und ihren Geldsorgen, verstorbenen Eltern und ihren Alkoholproblemen und schlimme Vergangenheiten wieder aufleben zulassen. Resultat ist eine unglaubwürdige Geschichte à la „Lüthi und Blanc“.

Die Soap Opera droht zu scheitern, die Einschaltquoten sinken in die Tiefe und ein Absetzen ersterer wird in Erwägung gezogen. Ein schneller und schlechter Schluss der Serie betrübt dann die richtig harten Fans. Ist dies also der Lohn für das stundenlange mitzittern vor der Mattscheibe? Ich hoffe nicht.

Die Frage, ob „Grey’s Anatomy“ in einer anderen Konstellation (d.h. wie ursprünglich geplant: anstatt 20% Medizin und 80% Gefühle eine Mischung von 49% Medizin und 51% Gefühle) je so erfolgreich geworden wäre, liegt auf der Zunge. Ich denke nicht. Aber! Eine längere Lebensdauer und weniger schnelle Erschöpfung der Geschichte wäre aus meiner Sicht garantiert gewesen.

So kommt es, dass am Schluss der dritten Staffel von „Grey’s Anatomy“ die Hauptperson Meredith Grey ihren Oberarzt Derek „McDreamy“ verlässt (eine Liebe, die seit Anfang an als unsterblich gegolten hat), Dr. Burke verabschiedet sich von Christina Yang an ihrer Hochzeit, George O’Malley ist durch die alles entscheidende Zwischenprüfung gefallen (schwängert unterdessen seine Ehefrau und lässt sich von Dr. Izzie Stevens die Liebe versprechen) und Alex Karev hört nicht auf sein Herz und lässt die „Patientin ohne Herkunft“ Ava wegziehen. Dr. Montgomery verlässt das Krankenhaus und hat ab dem Sommer ihre eigene Serie „Private Practice“. Die Zukunft der Assistenzärzte ist nun offen - wenn auch sehr unglaubwürdig. Nichtsdestotrotz lässt das Ende den Süchtigen aber auf die Droge „Staffel 4“ warten, welche aus meiner Sicht eventuell die letzte von „Grey’s“ und das Ende dieser Ärzte-Ära werden könnte. Ich denke darum, die Produzenten sollten kurz bei Emergency Room vorbeischauen gehen, denn diese Seifenoper ist nun schon erfolgreich in der 13. Runde. Und dies eben, oder vor allem wegen, der kleinen Dosis Herzschmerz.



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